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Ruschhaupt: Müssen uns bei Aus- und Weiterbildung nicht verstecken

Alle Bildungszentren ausgelastet?

Erst jüngst wurde in der Region eine neue Bildungsallianz geschmiedet: Das Bildungswerk in Lingen und das Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) des Handwerks der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim haben sich zum größten handwerklichen Bildungszentrum im westlichen Niedersachsen zusammengeschlossen. HWK-Hauptgeschäftsführer Sven Ruschhaupt sieht das Handwerk in Sachen Aus- und Weiterbildung gut aufgestellt – doch wie geht es bei den Bildungszentren weiter?

Auch in Teilen des Handwerks waren die Lehrlingszahlen zu Beginn des Ausbildungsjahres zurückgegangen – wenn auch nicht so stark wie in anderen Wirtschaftsbereichen. Insgesamt müsse sich das Handwerk in der Region in Sachen Aus- und Weiterbildung aber nicht verstecken, sagt Sven Ruschhaupt, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. „In unseren Bildungszentren, die die Kammer und die Kreishandwerkerschaften in den drei Landkreisen betreiben, lernen pro Jahr mehr als 20.000 Menschen.“ Diese Teilnehmerzahl sei durchaus mit einer Hochschule vergleichbar, so Ruschhaupt. Nur da jeder Standort eigenständig sei und auch eigenständig Bilanz ziehe, stünden sie weniger im Fokus.

Bildungsstätten vor Herausforderungen

Trotz dieses Gewichts in der Aus- und Weiterbildung des Handwerks haben die sechs Standorte in Papenburg, Meppen, Herzlake, Lingen, Nordhorn und Osnabrück ein Problem – ebenso wie die 600 Bildungsstätten des Handwerks bundesweit: Die Zahl der Auszubildenden ist kleiner geworden. „Rückläufige Schülerabgangszahlen und der beständige Trend zur akademischen Ausbildung führen zum Teil zu gesunkenen Lehrlingszahlen, sodass auch Bildungsstätten in diesem Bereich vor Herausforderungen stehen“, heißt es seitens des Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH). Das gilt auch für die Region. „Obwohl wir landesweit immer noch Ausbildungsmeister sind“, wie Ruschhaupt betont.

Herausforderungen aufgrund sinkender Ausbildungszahlen gibt es laut ZDH vor allem in Bildungsstätten, die nur auf ein oder auf wenige Gewerke einer Branche konzentriert sind. „Dort müssen Rückgänge bei den Ausbildungszahlen durch andere Maßnahmen als beispielsweise durch Fortbildungsgänge kompensiert werden“, so der Verband. Bereits 2015 habe man einen schrittweisen Organisationsprozess initiiert, damit die Bildungsstätteninfrastruktur auch 2030 und danach zukunftsfähig sei. „Land für Land wird überprüft, welche Infrastruktur vorhanden und in der Zukunft erforderlich ist. Dies wird auch die Zusammenlegung und manchmal auch die Schließung von Standorten nach sich ziehen“, prognostiziert der ZDH.

ZDH prognostiziert Schließung von Standorten

Was bedeutet das für die Region? Pauschale Aussagen, wie ausgelastet die Bildungszentren in Osnabrück, dem Emsland und der Grafschaft Bentheim sind, seien schwierig, sagt HWK-Hauptgeschäftsführer Sven Ruschhaupt. „Insgesamt stehen unsere Bildungszentren in allen drei Landkreisen gut da“, betont er. Im Detail komme es aber sehr auf die einzelne Werkstätte an.

Als Beispiel nennt Ruschhaupt das Friseurhandwerk: Vier Wochen im Jahr wird eine überbetriebliche Lehrlingsausbildung durchgeführt – an jedem Standort gleichermaßen. Doch was passiert mit den Salons den Rest des Jahres? „Wir versuchen, mit Umschulungs- sowie Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen die Werkstätten auszulasten.“

Eine wohnortnahe Beschulung sei wichtig, betont Ruschhaupt. „Darum bemühen wir uns – wohl wissend, dass das nicht immer möglich ist.“ In manchen Berufen gebe es einfach zu wenige Azubis – bei den Fotografen, Fleischern oder Goldschmieden zum Beispiel. Auch Dachdecker und Schornsteinfeger hätten niedersachsenweite Bildungszentren. „Die Anforderungen an die Werkstätten der überbetrieblichen Ausbildung sind hoch“, betont der Hauptgeschäftsführer.

Bildungszentren wichtig für Aus- und Weiterbildung

Wie wichtig die Bildungszentren sind, betont auch ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer: „Die handwerklichen Bildungszentren haben eine herausragende Bedeutung für die Aus- und Weiterbildung im Handwerk und für den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands insgesamt. Sie sind die Know-how-Schmieden und Technologiedrehscheiben im Handwerk.“

Damit sie das auch bleiben, müssen sie auch für die Zukunft gut aufgestellt bleiben. „Wir legen seit Jahren den Finger in die Wunde, dass das Land zu wenig in die überbetriebliche Lehrlingsausbildung investiert“, sagt Sven Ruschhaupt. Auch aufgrund der Impulse aus Osnabrück hat es hier jüngst einen Erfolg gegeben: Das Land investiert weitere sieben Millionen Euro. „Das ist eine Verdopplung der Landesmittel und echte Wirtschaftsförderung. Denn unsere Betriebe haben zuletzt rund 60 statt 30 Prozent der Kosten geschultert“, so Ruschhaupt.

Auch die Fusion im Emsland zum „Campus Handwerk Süd-West-Niedersachsen“ sieht der Hauptgeschäftsführer als wichtigen Schritt in die Zukunft. „Fünf Jahre war der Zusammenschluss jetzt in der Pipeline. Es war eines der ersten Projekte, die ich, als ich Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer wurde, angegangen bin“, sagt er rückblickend. „Die Fusion schweißt die Handwerksorganisationen noch einmal zusammen. Wir können die Ausbildung zusammen weiterentwickeln.“ Das berge viel Potenzial, ist sich Ruschhaupt sicher.

Ruschhaupt: Insgesamt gut aufgestellt

Insgesamt sieht er die überbetriebliche Lehrlingsausbildung in der Region gut aufgestellt. „Auch wenn wir davon ausgehen müssen, dass die Zahl der Auszubildenden langfristig weiter sinken wird. Ich hoffe, dass die Krise der Ausbildung im Handwerk noch mal einen Schub geben kann.“ Wieder einmal würde sich zeigen, wie krisenfest die Branche sei.

Stark vertreten sind in der Region laut Handwerkskammer immer noch die Kfz-, Elektro- und SHK-Ausbildungsberufe, ebenso wie der Bereich Bau. Das Lebensmittelhandwerk habe es hingegen schwer bei der Nachwuchssuche. Das hat auch Auswirkungen auf die überbetriebliche Ausbildung. „Hier können wir in der Region Werkstätten nicht mehr vorhalten.“

Auslastung im Auge behalten

Nicht zuletzt wegen der Förderfähigkeit von Investitionen in Ausstattung und bauliche Maßnahmen müsse auch weiterhin die Auslastung der Werkstätten im Auge behalten werden. Und Investitionen sind nötig. Unter anderem Meppen steht laut Ruschhaupt im Fokus. Drei Millionen Euro sollen sowohl in die Sanierung des Standorts als auch in die Neuaufstellung der Werkstätten unter anderem für Lehrlinge im Bau- und Ausbaugewerbe investiert werden. „Bislang gibt es in Meppen einen ganzen Blumenstrauß an Werkstätten. Das wollen wir fokussieren“, so Ruschhaupt.

Langfristig werde es aufgrund der sich verändernden Lehrlingszahlen sicherlich auch an anderer Stelle Veränderungen geben, ist sich der HWK-Hauptgeschäftsführer sicher und nennt als Beispiel die Zusatzqualifikation Schweißen, die derzeit in drei Werkstätten angeboten wird. In die Diskussion, wie es grundsätzlich weitergehe, seien auch die Innungen mit eingebunden, deren Geschäftsführung durch die jeweilige Kreishandwerkerschaft ausgeübt wird.

Nina Kallmeier: Ruschhaupt: Müssen uns bei Aus- und Weiterbildung nicht verstecken, NOZ, 08.01.2021