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Handwerkskammer

Mehr als 127.000 Mitarbeiter betroffen

Damit Betriebe eine Zukunft haben – Annika Hörnschemeyer berät Inhaber und Nachfolger in drei Kammerbezirken. Im Interview.

Frau Hörnschemeyer, bundesweit sind immer weniger Menschen bereit, das Risiko einer Selbstständigkeit in Kauf zu nehmen. Das hat gerade erst die jüngste Umfrage der Förderbank KfW wieder bestätigt. Welche Erfahrung machen Sie im Handwerk?

Von diesem Trend bleibt auch das Handwerk in der Region nicht verschont. Die Konjunktur ist allen Meldungen über Dellen zum Trotz im Handwerk weiter gut, Fachkräfte werden händeringend gesucht. Da ist das Angestelltenverhältnis eine sichere Bank. Wer jedoch seinen Handwerksmeister macht, macht auch eine Ausbildung zum Unternehmer und ist fähig, einen Betrieb zu führen. Und es kann sich auch finanziell schon in jungen Jahren auszahlen. Eine Betriebsübernahme ist meiner Erfahrung nach risikoärmer als eine Neugründung. Man übernimmt nicht nur einen Betrieb, sondern auch eine Struktur, ein Image, einen Kundenstamm. Das muss sich ein Unternehmer, der von Null anfängt, erst erarbeiten.


Wie viele Betriebe in der Region stehen Ihrer Einschätzung nach vor der Übergabe?

Wir gehen davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren in Stadt und Landkreis Osnabrück sowie den Landkreisen Emsland, Grafschaft Bentheim, Ostfriesland und Oldenburg 8500 Betriebe vor der Frage stehen, wie es weitergeht – niedersachsenweit sind es etwa 14?000. Bei einer durchschnittlichen Mitarbeiterzahl von 15 pro Betrieb in der Region hängen daran für unsere Bezirke immerhin 127?500 Mitarbeiter. Und in den kommenden Jahren geht die „Baby-Boomer“-Generation in Rente, sodass die Zahl der Übergaben eher steigen als zurückgehen wird. Sicherlich sind nicht alle dieser 8500 Betriebe auch übergabefähig – bieten also einem potenziellen Nachfolger eine wirtschaftliche Existenz –, aber sicherlich die meisten von ihnen, wenn sie den richtigen Nachfolger finden. Allerdings sind die nachfolgenden Unternehmergenerationen immer dünner besetzt. Daher ist die Gefahr groß, dass in den kommenden Jahren wirtschaftlich gesunde Handwerksbetriebe in der Region aufgrund der fehlenden Nachfolge aufgeben müssen.


Wie optimistisch sind Firmenchefs selbst, einen Nachfolger zu finden?

Eine Umfrage der Handwerkskammer unter Betriebsinhabern über 55 Jahre zeigt, dass etwa 15 Prozent davon ausgehen, ihren Betrieb mit Eintritt der Rente zu schließen. 35 Prozent der Befragten haben bislang noch keine Nachfolgelösung, bei ihnen besteht also das Risiko, dass sie wegbrechen – selbst wenn sie übergabefähig sind. Für diese Gruppe wird es höchste Zeit, einen passenden Nachfolger für eine geregelte Übergabe zu finden, denn die Vorbereitungen dauern erfahrungsgemäß zwischen drei und fünf Jahren. Es ist ein rechtlich komplexes und langfristiges Vorhaben, das sorgfältig vorbereitet werden muss.


Wie präsent ist das Thema Nachfolge in der Kammer?

Aktuell hat jeder zweite Termin der Betriebsberater der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim mit Unternehmensnachfolge zu tun. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind aufgrund fehlender Ressourcen auf externe Unterstützung angewiesen.


Was ist Ihre Aufgabe als Nachfolgemoderatorin?

Ziele des vom Wirtschaftsministerium in Hannover und dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) geförderten Projekts „Nachfolge im Handwerk meistern!“ sind zum einen die Sensibilisierung und Unterstützung der Handwerksbetriebe zum Thema Unternehmensnachfolge und zum anderen die nachhaltige Aktivierung und Steigerung des Potenzials an möglichen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Grob gesagt ist es meine Aufgabe, übergabefähige Betriebe und potenzielle Nachfolger zusammenzubringen und in einem ersten Schritt beratend zur Seite zu stehen. Das kann in der Praxis ganz unterschiedliche Formen annehmen: Es gibt Meisterschüler, die mit dem Wunsch nach einer Selbstständigkeit auf mich zukommen. Hier kann ich Kontakte zu potenziellen Betrieben vermitteln, Probearbeitstage organisieren oder Ähnliches. Ich suche auch verstärkt den Kontakt zu Betrieben, die in den nächsten Jahren vor der Übergabe stehen, um unterstützend zur Seite zu stehen. Dazu vernetze ich alle Serviceleistungen der Region für eine optimale Planung und Unterstützung. Meine Arbeit ist also ganz unterschiedlich. Wichtig dabei ist: Die enge Zusammenarbeit mit den Betriebsberatern vor Ort. Die Handwerkskammer bietet ein kostenfreies Komplettpaket an individueller Beratungsleistung für Handwerker an. Beispielsweise entwickeln wir Übergabekonzepte, helfen bei der Erstellung von Businessplänen und ermitteln einen Unternehmenswert. Auch nach erfolgreicher Übernahme begleiten wir den Betrieb gerne in seinen individuellen Fragestellungen weiter z.B. zum Thema Mitarbeiterführung oder Innovation.


Nun sind Sie, anders als viele Kollegen, nicht nur für Osnabrück, das Emsland und die Grafschaft Bentheim zuständig, sondern moderieren auch in den Bezirken Oldenburg und Ostfriesland. Warum?

Das Problem, den passenden Nachfolger zu finden, haben nicht nur Firmen hier in der Region. Es ist also wichtig, über den Tellerrand zu schauen und das Potenzial an Nachfolgern und Übergabebetrieben zu maximieren. Warum nicht Interessierte über die Bezirksgrenzen hinaus zusammenzubringen? Das ist deutlich einfacher, wenn ein zentraler Koordinator zuständig ist.


Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich am häufigsten konfrontiert?

Das ist ganz unterschiedlich. Der Wertewandel birgt unter anderem Konfliktpotenzial. Die jüngere Generation hat ein anderes Verständnis von Arbeit und setzt mit Blick auf Freizeit andere Prioritäten. Das ist gar nicht schlimm, man muss sich damit jedoch im Übergabeprozess auseinandersetzen und darauf einlassen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob das Unternehmen innerhalb der Familie übergeben wird, oder – was immer häufiger der Fall ist – ein Externer übernimmt.


Wo finden Firmeninhaber heute ihren Nachfolger – wenn er nicht aus der Familie kommt?

Natürlich sind Kinder immer noch ein erster Ansprechpartner, sie haben jedoch immer öfter andere Ideen für die eigene berufliche Zukunft. Die Ansprache von Mitarbeitern im Betrieb birgt für Firmeninhaber großes Potenzial: Sie sind regional verwurzelt, kennen das Unternehmen seit Jahren und können in ihre Verantwortung hineinwachsen. Manch einer stellt einen Mitarbeiter auch gezielt ein, weil er Nachfolgerpotenzial in ihm sieht. Andere wählen ganz bewusst einen externen Nachfolger. Hierbei ist unser „Meisterclub“ auch ein Pool potentieller Übernehmer. Wir haben hierbei den direkten Kontakt zu den jungen Meisterinnen und Meistern, die wir mit den Übergebern ins Gespräch bringen können.   

Auch die Übernahme durch einen Mitbewerber wird immer mehr zum Thema – entweder, weil sich kein eigener Nachfolger findet, oder aber, weil man gezielt angesprochen wurde. Für den einen oder anderen ist das erst einmal ein Schock – es ist aber eigentlich ein Kompliment, denn es heißt auch, dass die Geschäfte gut laufen und der Mitbewerber Potenzial sieht. Manch ein Unternehmen ist auch einfach zu groß, um von einem einzelnen Mitarbeiter übernommen zu werden. Das muss man sich leisten können.


Was sind die häufigsten Gründe, warum Firmeninhaber und Nachfolger letztlich nicht zusammenfinden?

Es kann sein, dass die Chemie nicht stimmt. Manchmal haben Firmeninhaber auch eine etwas überzogene Vorstellung was den Wert des Betriebes angeht. Es ist oftmals ihr Lebenswerk, das sie in fremde Hände legen. In vielen Fällen auch die Altersvorsorge. Dennoch sind Geräte, ist der Maschinenpark nicht immer das wert, was man vermuten mag. Hier kann ich als Nachfolgemoderatorin zusammen mit meinen Kollegen als neutraler Ansprechpartner unterstützen.


Wie hoch ist die Erfolgsquote nach der Übernahme?

70 Prozent der Unternehmen laufen nach der Übernahme erfolgreich weiter. Und ich bin mir sicher, dass dieser Prozentsatz noch weiter steigen wird, denn die Wirtschaft floriert – zumindest in unserer Branche – weiter. Der Binnenmarkt läuft noch gut, davon profitiert das Handwerk.

Es fehlt ihm jedoch – wie so vielen Branchen – an Fachkräften, sodass das Handwerk noch mehr florieren könnte. Der Fachkräftemangel schließt auch wieder den Kreis zum Nachfolgeproblem, das nicht nur uns, sondern auch andere Branchen beschäftigt. Wer heute als Fachkraft fehlt, fehlt als potenzieller Nachfolgekandidat. Insofern ist das auch ein Risiko für die Zukunft unserer Unternehmen. Deshalb raten wir noch dringender dazu, die Nachfolge frühzeitig zu regeln – auch im Sinne der Belegschaft. Sie merkt, ob der Chef noch in die Firma investiert – oder ob die eine oder andere nötige Investition gestrichen wird, weil kein Nachfolger in Sicht ist. Dann kann es passieren, dass gute Mitarbeiter noch vor der Rente des Chefs das Unternehmen verlassen.

DIE WIRTSCHAFT, 29.08.2019, Seite 17, Nina Kallmeier: Mehr als 127000 Mitarbeiter betroffen