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Reiner Möhle
Pentermann

„Der Kfz-Mechatroniker wird nicht verschwinden“

Das Handwerk in der Region hat ein erfolgreiches Jahr hinter sich. Ein Gespräch mit Kammerpräsident Reiner Möhle über Veränderungen im Handwerk, Abbrecher und Gründungen.

Herr Möhle, das Handwerk ist mit dem vergangenen Jahr konjunkturell gesehen sehr zufrieden, die Meisterpflicht wurde wieder eigenführt. Was sind für Sie die größten Erfolge?

Emotional gesehen ist das die Wiedereinführung der Meisterpflicht, auch wenn es viele Betriebe auf den ersten Blick nicht berührt. Das hat eine große Bedeutung für das Handwerk. 2003/2004 sind wir mit einer Kaltschnäutzigkeit von der der Politik rasiert worden, das hat tief gesessen. Dass es geklappt hat, zumindest in Teilbereichen eine Wiedereinführung des Meisters zu erreichen, ist ein großer Erfolg für das deutsche Handwerk. Der Meisterbrief ist ein verlässlicher Wegweiser, dass gute Arbeit geleistet wird.

Was hat die Betriebe am meisten beschäftigt?

Das ist das Thema Fachkräfte. Es ist grandios, dass wir so viel Arbeit haben, aber die richtigen Mitarbeiter zu finden ist und bleibt schwierig. Sie sind schlicht nicht auf dem Markt. Das hängt unter anderem mit dem Nachwuchs zusammen: Auch wenn wir mittlerweile einen hohen Anteil an Abiturienten als Auszubildende haben, müssen wir weiterhin in der Berufsorientierung an Gymnasien als Handwerk präsenter werden. Auf eine Abiturientenquote von 30-35 Prozent im Handwerk zu kommen, wäre schon nicht schlecht.

Ist das Handwerk dann im Umkehrschluss bei der Suche nach Auszubildenden in diesem Jahr vom fehlenden Abiturjahrgang weniger betroffen als zum Beispiel die Industrie?

Schön wäre das, aber auch die Industrie muss sich nach anderen Auszubildenden umschauen. Sie braucht gute Real- und Hauptschüler. Somit werden wir hier vielleicht den einen oder anderen weniger fürs Handwerk begeistern können, der sich in anderen Jahren für eine Ausbildung in unseren Gewerken entschieden hätte. Wir haben in 2019 einen leichten Rückgang von neuen Ausbildungsverträgen zu verzeichnen, bewegen uns aber immer noch auf einem sehr hohen Niveau und sind bundesweit im Spitzenfeld, was die Ausbildungsquote betrifft.

Oft wird bemängelt, dass berufliche und akademische Bildung nicht gleichgestellt sind. Gehen Sie davon aus, dass das Semesterticket noch bis zum Ausbildungsstart kommen wird?

Nach meinem bisherigen Kenntnisstand gehe ich nicht davon aus, dass das Ticket bis zum nächsten Ausbildungsstart kommen wird. Das ist eine Enttäuschung, denn es gibt keinen Grund, warum es eine Unterscheidung zwischen Auszubildenden und Studenten gibt. Da gibt es noch andere Beispiele wie Versicherungen, wo Azubis schlechter gestellt sind als Studierende. Verständlich ist das für uns nicht.

Das Fachkräfte-Problem ist nicht neu, doch besser geworden ist es nicht. Wo sollen die Fachkräfte herkommen?

Die Schwächen einzelner Unternehmen wie Enercon können für uns eine Chance sein. Ein guter Metallbauer dort wird auch ein guter Handwerker sein und wir haben die handwerklichen Bildungszentren, können die Mitarbeiter umschulen und integrieren. Unser Hauptaugenmerk liegt aber auf der Ausbildung und hier merken wir, dass das Image des Handwerks besser geworden ist und wir mehr Zuspruch bekommen. Dennoch können wir besser werden: In diesem Jahr planen wir, dass die Meister in unserem Meisterclub eine Patenschaft für die Lehrlinge übernehmen. Sie informieren über ihre Berufe und Ausbildungen. So soll auch die Abbrecherquote noch einmal sinken.

Wie hoch ist sie aktuell?

Aktuell liegt die Abbrecherquote bei 30 Prozent, insbesondere im Friseurhandwerk ist sie hoch. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass zwischen 60 und 80 Prozent der Abbrecher im Handwerk bleiben und entweder den Betrieb oder das Gewerk wechseln. Zum Vergleich: Die Abbrecherquote an Universitäten liegt zwischen 40 und 70 Prozent. Das ist viel zu hoch. Diese jungen Menschen frühzeitig umzulenken, das muss uns ebenso gelingen wie den einen oder anderen für das Handwerk zu begeistern. Wir haben einen guten Draht zu den Hochschulen.

Wird dieser mit dem Bauvorhaben hier an der Handwerkskammer – das Kompetenzzentrum zum autonomen Fahren und Landtechnik – noch enger?

Ich gehe davon aus. Zumal wir zum norddeutschen Kompetenzzentrum für Landmaschinen werden. Wir haben alle wichtigen Hersteller vor Ort und der Beruf ist wahnsinnig attraktiv. Das Kompetenzzentrum soll dazu beitragen, dass in der Region auch so bleibt. Dort können auch Umschulungen und Weiterbildungen stattfinden, mit denen wir den Veränderungen in der Branche Rechnung tragen. Wir hoffen, dass wir im Laufe des Jahres 2022 den Bau beziehen können. Der Bebauungsplan muss noch geändert und die Planungen genehmigt werden. Diese Prozesse dauern in Deutschland ihre Zeit.

Sie sagen, dem Wandel soll Rechnung getragen werden. Der ist jedoch in der Automobilindustrie und somit bei den Kfz-Mechatronikern deutlich größter als bei den Landtechnikern.

Das stimmt, aber der Beruf des Kfz- Mechatroniker wird nicht verschwinden. Wir werden in den nächsten Jahren nach wie vor ältere Autos in Betrieb haben, die alle weiter repariert, gepflegt und umgebaut werden wollen. Hinzu kommen die neuen Fahrzeuge. Die Kfz- Mechatroniker stellen sich schon jetzt auf ein verändertes Berufsbild ein, auch flankiert von modernsten Ausbildungsmethoden in unseren Bildungszentren.

Ein Gutachten hat gerade gewarnt, dass in der Automobilindustrie 400.000 Arbeitsplätze in Gefahr sind. Sehen Sie das Handwerk in diesem Bereich vor einem massiven Jobabbau?

Es wird eine Veränderung stattfinden. Ob diese quantitative Folgen haben wird, kann ich nicht beurteilen. Reparaturen älterer Fahrzeuge werden noch lange ein Thema bleiben, insofern würde ich nicht vor einem Sterben der Kfz-Werkstätten warnen – auch wenn beim Elektroauto fast alle Wartungsarbeiten wegfallen.

Es gibt ein Handwerk, das einen kompletten Technologiewandel bereits hinter sich hat: die Heizungsinstallateure. Ein gusseiserner Heizkessel war deutlich aufwendiger zu warten als die heutigen Geräte, bei denen viel per Ferndiagnose passieren kann. Auch hier hat der Wandel nicht zu einem massiven Sterben der Betriebe geführt, denn es sind andere Aufgaben hinzugekommen.

Den Optimismus hat übrigens auch das Kfz-Handwerk selbst. Von den 400 Meisterbriefen in diesem Jahr waren 85 Kfz-Mechaniker-Meister. Sie ist mit Abstand die größte Gruppe. Und auch als Ausbildungsberuf ist der Kfz-Mechaniker weiterhin der beliebteste.

Wie sieht es denn mit Gründungen im Handwerk aus?

Wir haben im Vergleich zum Vorjahr netto 200 Handwerksbetriebe mehr. Gegründet wird quer durch die Branchen, auch wenn aufgrund der guten Konjunktur gerade im Bereich Bau einige Betriebe hinzugekommen sind. Das Handwerk boomt und die jungen Leute wollen eigenständig an den Markt. Das zeigt auch wieder: Eine Karriere im Handwerk ist – auch in jungen Jahren – möglich.

Neben Gründungen beschäftigt uns auch das Thema Nachfolge. Dafür haben wir eine Nachfolgekoordinatorin bei uns in der Kammer, die nicht nur für die Region, sondern auch für zwei Nachbarkammern zuständig ist. Mehr als 30 Prozent unserer Betriebe suchen aktuell einen Nachfolger. In vielen Fällen wird der Betrieb letztlich aufgegeben, was mit Jobverlusten einhergeht. Für eine kleine Gemeinde kann das große Folgen haben – und für Arbeitnehmer längere Wege zur Arbeit beziehungsweise zum Kunden bedeuten.

Berufsschulen, Azubi-Ticket, Fachkräfte, Nachfolge – welche Themen werden Sie in diesem Jahr insbesondere bewegen?

Einen Schwerpunkt unserer Arbeit haben wir in diesem Jahr nicht. Es bleiben aber nach wie vor große Herausforderungen. Auch wenn der Baubeginn noch nicht in diesem Jahr sein wird, wird uns das Kompetenzzentrum Land- und Baumaschinentechnik beschäftigen. Hinzu kommt die Digitalisierung. Mit der guten Auftragslage bleibt wenig Zeit für Weiterbildung. Da müssen wir die Unternehmer abholen und begleiten. Die Betriebe brauchen individuelle Lösungen.

Nina Kallmeier: Kammerpräsident: „Der Kfz-Mechatroniker wird nicht verschwinden“, NOZ, 30.01.2020