Browserwarning

Reiner Möhle

Im Handwerk ist kein Konjunktur-Knick abzusehen

NOZ-Interview mit Handwerkskammerpräsident Reiner Möhle

Das Handwerk boomt und so wird es auch bleiben, ist Reiner Möhle, Präsident der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim überzeugt. Ein Gespräch über Konjunktur, Hochschulkooperation und seine Zukunft.

Herr Möhle, seit rund einem halben Jahr sind Sie Präsident der Handwerkskammer. Wie war die Zeit bislang für Sie?

Das Amt ist nach wie vor für mich eine tolle Erfahrung und es ist schön zu sehen, wie wichtig es für das Handwerk ist. Es ist mehr Arbeit als ich gedacht hätte, aber das ist auch schön. Man muss aber auch sagen, dass ich das vor zehn Jahren noch nicht mit der Arbeit in meinem Betrieb hätte vereinbaren können.

Sie haben zum Antritt den Wunsch einer stärkeren Kooperation von Handwerk und Universität geäußert. Wie wichtig sind Hochschulkooperationen?

Dass das Handwerk nicht der klassische Partner von Hochschulen ist, ist genau die falsche Herangehensweise und dieser Eindruck muss überwunden werden. Die Kooperation zwischen Hochschule und Handwerk, zum Beispiel beim Thema Wasserstoff oder Landtechnik, ist da und wird enger. Nicht für jeden Betrieb ist sie wichtig, aber wir müssen ein Forum bieten, damit sie überhaupt möglich ist. Das klassische Bild von Handwerk passt sicherlich nicht zu Universitäten. Aber dieses Bild ist eben auch nicht mehr zeitgemäß.

Und die Zahl der Auszubildenden, die mit Abitur eine Ausbildung im Handwerk anfangen, steigt…

Das stimmt, im Kammerbezirk liegt der Anteil der Auszubildenden mit Abitur bei rund 15 Prozent. Er müsste allerdings bei der großen Zahl von Gymnasiasten noch höher liegen, da ist Luft nach oben. Die Kooperation mit den Gymnasien ist mir nach wie vor ein großes Anliegen und es ist gut, dass die Berufsorientierung dort nun verpflichtend ist. Immer noch wissen viel zu wenig Schüler, was sie nach ihrem Anschluss machen wollen und das ist falsch. Die Zeit nach der Schule darf nicht ausgeklammert werden. Zu viele Absolventen befinden sich in einem Übergangssystem und sie fehlen der Wirtschaft. Das können wir uns eigentlich gar nicht erlauben, denn die Arbeitszeit fehlt – auch um in die Sozialsysteme einzuzahlen.

Der Fachkräftemangel und die duale Ausbildung sind – nicht nur im Handwerk – seit Langem ein Thema. Gibt es da langsam Licht am Ende des Tunnels?

Die Zahlen zeigen, dass die Ausbildung auch bei uns in der Region nach wie vor ein Problem bleibt. Wir haben zwar 8,4 Prozent mehr Azubis in unserem Kammerbezirk als im Jahr zuvor. Aber da wissen wir noch nicht, wo dieser Zuwachs herkommt. Wir haben zwar eine ganze Menge gemacht, aber davon alleine kann die Steigerung der Ausbildungsverträge nicht kommen. Und die Zahlen steigen in vielen Regionen. So lange wir keine Einschätzung zu den Hintergründen haben, können wir auch nicht von einer Trendwende sprechen.

Erwarten Sie dennoch auch für dieses Jahr eine steigende Zahl an Ausbildungsverträgen? Immerhin fällt im kommenden Jahr ein kompletter Abiturjahrgang weg.

Wir würden uns natürlich freuen, wenn auch in diesem Jahr eine so starke Steigerung der Azubi-Zahlen zu erreichen wäre wie im vergangenen Jahr. Das ist aber eigentlich nicht realistisch. Die hohe Zahl im vergangenen Jahr hat uns überrascht.

Das letzte Jahr war auch geprägt von Schlagzeilen über Handwerkermangel, lange Wartezeiten für Kunden und Überlastungen. Kommt die Konjunktur-Delle?

Im Handwerk ist kein Konjunktur-Knick abzusehen, der Auftragseingang bleibt nach wie vor hoch. Wir sollten die Fragezeichen der Weltkonjunktur nicht überbewerten. Natürlich wissen wir nicht, was der Brexit bringt, aber wir werden die Krise meistern. Uns geht es gut. Das Handwerk hat zudem den Vorteil, dass es stark binnenmarktorientiert ist, nur rund 15 Prozent unserer Betriebe arbeiten EU-weit. Das wird sich verringern.

Entsprechend ist der Großteil unseres Handwerks nur indirekt betroffen, wenn aufgrund schlechterer Zeiten Investitionen wegfallen. Auf der anderen Seite gibt es so viel zu tun – egal ob im Straßen- oder Wohnungsbau, um nur zwei Beispiele zu nennen – dass uns die Arbeit nicht ausgeht. Was uns trifft sind Mitarbeiter, die mit 63 frühzeitig in den Ruhestand gehen. Das Know-how fehlt.

Know-how ist ein gutes Stichwort. Anfang des Jahres hat der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) die Rückkehr zur Meisterpflicht wieder in den Fokus gerückt. In der Bundesregierung befasst man sich aktuell mit dem Thema. Wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

Das Handwerk hat von Anfang an die Entscheidung, den Meister in einigen Berufen abzuschaffen, kritisiert. Unsere Befürchtungen, dass Ausbildung und Qualität leiden, haben sich bestätigt. Und es kann nicht sein, dass ein anspruchsvoller Beruf wie der Goldschmied ohne Meister ausgeübt werden kann. Das hat nichts mit Wertschätzung zu tun und auch der Verbraucherschutz leidet. Wir gehen davon aus, dass es für die ersten Berufe bis Ende des Jahres eine Neuregelung gibt.

Welche Themen stehen sonst bei Ihnen in diesem Jahr ganz oben auf der Agenda?

Da ist zum einen die Mitarbeitergewinnung. Die Bundesregierung hat ihr Fachkräfteeinwanderungsgesetz verabschiedet. Damit verbinden wir die Hoffnung, auch für das Handwerk Mitarbeiter zu gewinnen – vielleicht nicht direkt, aber es entspannt den Arbeitsmarkt und das gibt uns mehr Möglichkeiten. Wir brauchen mehr Menschen im Handwerk. In dem Zusammenhang kann ich allerdings nicht verstehen, warum gut ausgebildete Flüchtlinge wieder nach Hause geschickt werden. Sie sind ein Gewinn für die Wirtschaft.

Muss das Handwerk weiter an seiner Attraktivität arbeiten?

Ja, ohne Wenn und Aber. Wir müssen weiter an unserer Darstellung arbeiten – analog wie digital. Da müssen wir offensiver und moderner sein. Wenn die ersten Ängste überwunden sind, merken Schüler wie Eltern, wie attraktiv Handwerk ist. Ein Baustein ist da unsere große Meisterfeier – um unsere jungen Meister gesellschaftlich sichtbar zu machen und zu zeigen: Im Handwerk kann man was werden.

Die Umwelthilfe bleibt in Sachen Fahrverbote auf dem Kriegsfuß und die Grenzwertdiskussion geht weiter. Gibt es mittlerweile eine elektrische Alternative für das Handwerk?

Nein, die gibt es aktuell noch nicht, und darin liegt ein großes Problem. Das dauert alles viel zu lange, das Thema muss vorangebracht werden. Bevor die Industrie das Augenmerk auf 40-Tonner legt, sollten erst einmal Montagefahrzeuge für Handwerker in Angriff genommen werden. Das kann doch nicht so schwer sein. Möglicherweise wird im Herbst ein Fahrzeug vorgestellt, darauf warten viele Kollegen. Es gibt bei einigen aufgrund der Unsicherheit, wann ein Elektrofahrzeug kommen könnte, einen Investitionsstau beim Fuhrpark. Ob Elektromobilität ausschließlich die Lösung ist, ist eine andere Diskussion.

Im März steht die Frühjahrsvollversammlung an, dann sind Sie fast ein Jahr im Amt. Wollen Sie weitermachen?

Ja, ich trete als Kandidat zur Vollversammlung an und werde auch für das Amt des Präsidenten zur Verfügung stehen. In der nächsten Periode wollen wir aber auch die Vollversammlung weiter verjüngen. Ein höherer Frauenanteil täte uns ebenfalls gut. Es bleibt aber leider schwierig, Frauen für das Ehrenamt zu begeistern.

Nina Kallmeier: Im Handwerk ist kein Konjunktur-Knick abzusehen, NOZ, 06.02.2019