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Die neuen Gesellen Björn Lüdemann und Aaron Augustin mit Jens Trocha, Heiko Pastuning und Uwe Koch von der „Passgenauen Besetzung“ der Handwerkskammer
Handwerkskammer

Erst Beratung, dann Einsergeselle

Björn Lüdemann hatte keinen Schimmer von Handwerk. Die Kammer half. Und seine Mutter

Realschulabschluss mit 17. Zeugnis mittelmäßig. Von beruflicher Zukunft keine Ahnung. Mal ein Praktikum hier und dort, dann wieder abhängen. Der Osnabrücker Björn Lüdemann wusste einfach nicht, wohin es mit ihm gehen sollte. Unentschlossenheit prägte seinen Alltag. Irgendwann hatte seine Mutter genug. Im März 2017 suchte sie Rat bei der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim und fand Uwe Koch von der „Passgenauen Besetzung“.

„Ich kann mich sehr gut an das erste Gespräch erinnern“, so der erfahrene Berater mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Aus langjähriger Erfahrung ist ihm diese Situationsbeschreibung nicht neu. Im Gegenteil: „Wir haben immer wieder den eigentlichen Erstkontakt mit den Eltern, weil die genervt sind vom Rumhängen der Kinder, die nach der Schule oftmals perspektivlos sind und keine Ahnung von der Berufswelt haben“, stellt Koch fest, der schnell hinterherschiebt: „Woher und von wem auch. Die Berufsberatung in den Abschlussklassen der Schulen bildet bei allem Engagement nur einen sehr kleinen Teil der vielen Möglichkeiten ab.“ Also her mit Björn zu einem persönlichen Gespräch in der Kammer. Für Koch geht es bei diesem Erstkontakt auch um den Aufbau von Vertrauen, schließlich ist die Entscheidung für einen Beruf einer der wichtigsten im Leben. Der Sozialpädagoge mit langjähriger Beratungserfahrung wusste schließlich das Eis zu brechen. Nach vier Terminen hatte Koch einen Vorschlag, bei dem Björn erstmal aufhorchte: „Schon mal was von Orthopädietechnik gehört?“. Natürlich nicht. Aber Björn war erstmal interessiert. Dann ging alles ziemlich schnell.

„Wir haben einen guten Kontakt zu unseren Mitgliedsbetrieben, denn angesichts der derzeitigen demografischen Probleme bei der Nachwuchsgewinnung werden wir oft von Handwerksunternehmen auf potentielle Auszubildende angesprochen“, erklärt Koch. Seine Empfehlung für Björn: Gehrmeyer. Das Osnabrücker „Zentrum für Orthopädie- und Rehatechnik“ bot auf Empfehlung von Koch ein Praktikum an. „Hierbei stellen wir die Motivation für die Arbeit fest und checken auch die sozialen Kompetenzen“, erklärt Jens Trocha, Abteilungsleiter Orthopädietechnik bei Gehrmeyer. Für das Unternehmen mit seinen rund 130 Mitarbeitern ist es schwer geworden, Auszubildende zu finden. „Die kennen unseren Beruf und die damit verbundenen Möglichkeiten gar nicht“, stellt Trocha fest und ist froh, Björn durch die Handwerkskammer gefunden zu haben. Schnell wurde dem Abteilungsleiter klar: Den nehmen wir. Und Björn? „Mein Interesse war schnell geweckt, da ich überall mitarbeiten durfte, mit den Außendienstlern bei Kundenbesuchen war und festgestellt habe, dass mir der Beruf Freude macht, weil ich durch meine handwerkliche Arbeit den Patienten Freude bereite“, erklärt der frischgebackene Geselle, der seine Prüfung mit einer Eins abgeschlossen hat, ebenfalls wie sein Azubi-Kollege Aaron Augustin. Beide werden von Gehrmeyer übernommen. „Die lassen wir nicht mehr gehen“, erklärt Ausbildungsleiter Heiko Pastuning, der auch stolz auf sein Team ist, das die beiden Gesellen ausgebildet hat. „Und wenn unsere Gesellen*innen sich weiterbilden wollen, unterstützen wir sie mit Stipendien dabei oder stellen sie von der Arbeit frei, damit sie besser lernen können“, fügt Trocha hinzu und bemerkt: „Für das nächste Jahr konnten wir jetzt schon eine Auszubildende gewinnen – durch die passgenaue Besetzung der Handwerkskammer.“

Passgenaue Besetzung

Im Mittelpunkt der Maßnahme stehen kleine und mittlere Unternehmen und deren Versorgung mit (zukünftigen) Fach- und Nachwuchskräften. Bundesweit 160 geförderte Beraterinnen und Berater konzentrieren sich dabei auf die Besetzung der zahlreichen freien Lehrstellen mit Jugendlichen und jungen Erwachsen ohne Flüchtlingsstatus. Sie beraten Unternehmen, ermitteln den betrieblichen Bedarf an Auszubildenden, erstellen Anforderungs- und Stellenprofi le, suchen in Schulen, auf Messen und im Netz nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten und sichten Bewerbungsunterlagen. Mit Hilfe von Auswahlgesprächen und Einstellungstests schätzen die Berater*innen die Fähig- und Fertigkeiten der Jugendlichen ein, treffen eine Vorauswahl geeigneter Bewerber* innen und unterbreiten dem Betrieb einen möglichst passgenauen Vorschlag. Bei der Suche kooperieren die Berater*innen mit zahlreichen anderen regionalen und überregionalen Akteuren am Übergang von Schule zu Beruf wie beispielsweise den Arbeitsagenturen und Jobcentern. Das durch den Europäischen Sozialfond und das Bundeswirtschaftsministerium geförderte Programm unterstützt die mittelständische Wirtschaft bei der Sicherung ihres künftigen Fachkräftebedarfs.